Generalkonsul 
Yu Yong: 
"Ich freue mich, wenn mehr Besucher kommen"

总领事余勇:
“我期待更多观众的到来”

Herr Generalkonsul, Sie verfügen über langjährige Erfahrung in der Diplomatie. Welchen Stellenwert hat für Sie die lokale, kulturelle Zusammenarbeit in einer Stadt wie Duisburg?

Der chinesische Philosoph Han Feizi (280 v. Chr. - 233 v. Chr.) prägte den Spruch: "Große Diplomatie fußt auf der Freundschaft zwischen den Menschen; die Freundschaft zwischen den Menschen erfordert gegenseitiges Verständnis in ihren Herzen." Dass sich die Bürger trotz großer Entfernung verstehen und Freundschaft schließen, gilt schon seit Tausenden von Jahren in China als die unentbehrliche Grundlage für die zwischenstaatlichen Beziehungen und den dauerhaften Frieden. Dies schließt automatisch auch den Austausch auf der lokalen Ebene ein. Die Förderung der strategischen Parnerschaft zwischen China und Deutschland ist untrennbar mit dem gegenseitigen Verständnis und der Unterstützung zwischen den Menschen in Chinas und Nordrhein-Westfalen, einschließlich Duisburg, verbunden. Und Kultur lebt vom Austausch. Sie wird intensiver und vielfältiger. Sie bereichert sich durch lokale und regionale Zusammenarbeit mit exotischen, externen und exzeptionellen Ideen. 

China und Deutschland sind beide für offenen Kulturaustausch und für das gegenseitige Lernen, zum Beispiel durch das Chinafest, das bereits in vielen Städten Heimspiel hatte - in der Landeshauptstadt Düsseldorf und in der Domstadt Köln. Viele Menschen konnten vor der Haustür authentische chinesische Kultur erleben. In den vergangenen Jahren hat sich Duisburg dankenswerterweise als Austragungsort des Chinafestes etabliert. Das letzte Chinafest im September 2025 besuchten circa 100.000 Menschen. Wir konnten 100.000 neue "Kulturbotschafter China-Deutschland" für lokalen Austausch adeln. Die China Community in NRW, die längst in Deutschland integriert ist, will sich und ihre Heimattraditionen der deutschen Öffentlichkeit präsentieren. Als chinesischer Generalkonsul schätze ich es sehr, dass sich die chinesische Kultur der steigenden Beliebtheit erfreut und dass die Kulturen immer wieder neue hybride Ausdrucksformen finden. Davon profitieren unsere Multikulti-Gesellschaften. Am 22. Februar 2026 findet in der Düsseldorfer Tonhalle das "Große Chinesische Neujahrskonzert" statt. In China beginnt Mitte Februar das Neujahr des Feuerpferds. Aus diesem Anlass wird eine musikalische Reise durch Chinas Klangwelten präsentiert, die mit traditionellen Musikinstrumenten hörbar und erlebbar gemacht werden. Das ist unser Beitrag zum offenen Kulturaustausch.

Seit Ihrem Amtsantritt in Düsseldorf im Sommer 2025 haben Sie bereits viele Akzente gesetzt. Welchen Eindruck haben Sie von der Dynamik und Gastfreundschaft der Menschen in der Rhein-Ruhr-Region?

Ich muss zugeben, dass mein bisheriger Schwerpunkt im Beruf Afrika war. Hier in Düsseldorf feierte ich meine Diplomatenpremiere in Deutschland und Europa. Schon sieben Monate nach meinem Amtsantritt fühle ich mich zwischen Rhein und Weser "sauwohl" wie zu Hause. Die freundlichen Menschen aus der Politik, Wirtschaft, Bildung und Kultur haben mich mit offenen Armen aufgenommen und ins Herz geschlossen. Eine tolerante, leidenschaftliche und hoch internationalisierte Gesellschaft (mit Bürger*innen aus mehr als 150 Ländern!) und Metropolenregion sind wie ein kleines "Global Village", natürlich multikulti. 

Die Menschen im Ruhrgebiet haben nach dem erfolgreichen Strukturwandel die Gene der Kumpel weiterhin im Blut: aufgeschlossen und ehrlich. Vor allem zeichnen sie sich durch ihre Anpassungsfähigkeit im Prozess vom Zentrum des Bergbaus zur grünen Industrieregion aus. Und die Rheinländer lieben den Frohsinn. Sie sind tolerant und strahlen pure Lebenslust aus. Schon jetzt freue ich mich auf die anstehende fünfte Jahreszeit. Ob in China, im Rhein-Ruhr-Gebiet oder in Afrika, die Menschen streben nach einem besseren Leben. Dafür krempeln sie die Ärmel hoch und arbeiten sehr hart, ungeachtet ihrer Ethnien, ihrer Staatsangehörigkeit und kultureller Hintergründe. Jedes Individuum hat seine Vision und Vorstellung für ein besseres und erfüllendes Leben. Diese Vision eint die Menschen auf allen fünf Kontinenten, wie in einer Familie und einer Zukunftssgemeinschaft

Sie haben bereits viele Orte in NRW besucht. Gibt es eine lokale Tradition oder Besonderheit, die Sie besonders beeindruckt hat und in der Sie vielleicht eine Parallele zu Ihrer chinesischen Heimat sehen?

Über NRW hatte ich viel gelesen. Aber vieles, was ich über Deutschland und NRW gelesen hatte, entpuppte sich als Stereotypen, zugespitzte Rhetorik sowie vereinfach dargestellte Vorurteile. Wer hat mal behauptet, dass die Deutschen keinen Spaß verstünden und keinen Sinn für Humor hätten? Ich erlebe jetzt NRW auf Schützenfesten, Bierfesten und zuletzt auf Weihnachtsmärkten. Mein Deutschlandbild wurde farbiger und lebendiger. Ich fiebere jetzt den Karnevalszügen entgegen. Ich hoffe, dass Menschen aus allen Ländern genau so viel Glück haben wie ich, die Vielfalt, Gastfreundschaft und Lust am Leben in Nordrhein-Westfalen selbst zu entdecken, zum Beispiel bei den Olympischen und Paralympischen Sommerspielen 2036, 2040 oder 2044. 

Der KölnRheinRuhr-Bewerbung für die Austragung dieses Spitzenevents wünsche ich "Glück auf!". Wie in meinem Heimatland China legt NRW großen Wert auf die Weitergabe von Brauchtum und Traditionen. Hier schlug das Herz des Bergbaus. Auch heute findet man die Spuren der einzigartigen Industriekultur, die die Montanindustrie hinterließ. Kohle, Koks, Eisen und Stahl - sie sind allgegenwärtig in NRW, zum Beispiel im UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen oder im Landschaftspark Duisburg-Nord. Auch in der chinesischen Hauptstadt Peking wurde ein ehemaliges Hüttenwerk des Stahlkochers Shougang zu einem Sport- und Freizeitpark umgebaut. Dort fanden bei den winterolympischen Spielen 2022 in Peking die Disziplinen Freestyle-Skiing und Snowboarding statt. Heute ist es ein beliebtes Ausflugsziel und ein Bürgerpark mit Wintersportmotiven. Sie sehen, dass wir vieles gemeinsam haben. Die "Festkultur" in NRW beinhaltet auch viele fernöstliche Eigenschaften wie "Vereint in Vielfalt, Harmonie trotz Diversität". Das anstehende Frühlingsfest feiert genau diese "Harmonie". Herrscht Harmonie in den eigenen vier Wänden, geht alles nur bergauf; herrscht Harmonie in den Landesgrenzen, liegt Wohlstand in unendlichem Kreislauf.

Das Chinafest 2026 steht im Zeichen des „Feuerpferdes“. Welche Botschaft verbinden Sie mit diesem kraftvollen Symbol für das kommende Fest?

Das Pferd symbolisiert edle Tugenden wie Integrität, Ehrlichkeit und Loyalität sowie einen Geist, der keine Mühen scheut, um Fortschritte zu erzielen. Erstaunlicherweise haben China und Europa bei der Interpretation der Charakterzüge vom Pferd etwas Interessantes gemeinsam. Das Brandenburger Tor in Berlin krönt die Skulptur einer Quadriga der römischen Siegesgöttin Victoria, die auf einem Vierergespann Frieden in die Stadt bringt. Auch die griechische Siegesgöttin Nike ließ sich gerne im Streitwagen mit vier Pferden chauffieren. Die China-Kenner wissen es: Der erste chinesische Kaiser Qin Shihuang (259 v. Chr. – 210 v. Chr.), der China geeint hatte, ließ sich zu seiner Lebzeit zwei Triumphwagen aus Bronze, gezogen ebenfalls von vier Pferden, herstellen, die ihn im Jenseits fahren sollten. Diese haben Archäologen in seiner Grabanlage in der zentralchinesischen Stadt Xian entdeckt, die durch die Terrakottaarmee bekannt geworden ist. Die göttliche und kaiserliche Macht in China und Europa wird beflügelt durch die Pferde und bringt der Welt Frieden und Stabilität. Aber im Jahr des Pferdes ist unsere Welt nach wie vor geprägt von zahlreichen Konflikten, internationalen und regionalen. Die Ordnung des Multilateralismus und des Freihandels steht vor ernsten Herausforderungen. Alle denkbaren Themen werden politisiert und sofort mit Staatssicherheit in Verbindung gebracht. 

Ausgerechnet in diesem kritischen Moment müssen sich China und Europa den Herausforderungen stellen. Seien wir doch mal das Pferd! Scheuen wir keine Mühen, den Multilateralismus auf der Welt zu verteidigen! Setzen wir uns für die Globalisierung und offene Märkte ein! Engagieren wir uns für die kulturelle Diversität. Aber auch im Lande selbst müssen wir handeln und ehrgeizige Ziele stecken. Ich höre immer wieder in meinen Gesprächen in NRW, dass sich Deutschland in Reformbestrebungen befinde. In China begann 2026 die Implementierung des neuen Fünfjahresplans, des Blueprints für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung bis 2030. Schließen China und Deutschland den Schulterschluss, können wir unsere Welt zu einem besseren Ort machen, wie die Siegesgöttinnen Victoria und Nike auf den Pferdewagen mit ihren frohen Botschaften durchs Land ziehen. Das Chinafest Duisburg im Jahr des Feuerpferdes wird sicherlich viele deutsche Freunde für China begeistern. Wie ein chinesisches Sprichwort sagt: "Gut ist, die Begeisterung für 100 Mal zu hören. Besser ist, das Zauberhafte nun endlich einmal persönlich zu sehen". 

Besuchen Sie im Jahr des Pferdes doch die Quadriga des ersten Kaisers und seine Terrakottaarmee. Dieses UNESCO-Weltkulturerbe gilt als das achte Weltwunder. 92 Prozent der Deutschen waren noch nie in China. Wir öffnen ihnen mit dem Chinafest ein Fenster für authentische chinesische Kultur in unmittelbarer Nähe.

Duisburg ist ein zentraler Knotenpunkt der „Neuen Seidenstraße“. Wie wichtig ist es, dass diese Verbindung durch das Chinafest auch auf menschlicher Ebene vertieft wird?

Dass Duisburg eine wichtige Drehscheibe der „Seidenstraßeninitiative” ist, zeigte der Besuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Duisburg 2014. Das Chinafest verleiht dem wirtschaftlichen Knotenpunkt Duisburg noch die passende kulturelle Note dazu. Tatsächlich geht bei der Seidenstraßeninitiative nicht nur darum, hier eine Brücke und da eine Straße zu bauen. Es geht auch nicht lediglich um gegenseitige Investitionen und Handel, schon gar nicht um die Erweiterung der „Einflusssphäre”, wie sie eine Handvoll von Kritikern behauptet. Der Kern der Initiative geht bei weitem über die Infrastruktur, Waren- und Geldflüsse hinaus. Die Abstimmung der Wirtschafts- und Handelspolitik ist nur der Anfang. Das Endziel ist das gegenseitige Verständnis in den Herzen, wie der chinesische Altphilosoph Han Feizi sagte. Diese Initiative fördert in erster Linie kulturell-gesellschaftlichen Austausch. Die Partner beraten zusammen, bauen zusammen und freuen sich zusammen auf die gemeinsame Errungenschaft. Die Handelsroute ist der Weg, die Freundschaft das Ziel. 

Für die Seidenstraßeninitiative sind Bildung und Kultur wichtige Bausteine. Duisburg ist auch in dieser Hinsicht ein zuverlässiger Partner und ging 1982 mit Wuhan die erste Städtepartnerschaft zwischen China und Deutschland ein. Diese Beziehung begann ursprünglich durch ein Wirtschaftsprojekt zwischen dem Wuhaner Stahlunternehmen WISCO und ThyssenKrupp. Das Projekt war erfolgreich und daraus entstanden Freundschaft, Vertrauen und immer mehr Kulturprojekte. Mehrere Gymnasien in Duisburg, darunter das Landfermann Gymnasium, bieten Chinesisch als Fremdsprache an. Das Schulamt finanziert den herkunftssprachlichen Unterricht Chinesisch für Kinder mit chinesischem Migrationshintergrund. Am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Duisburg-Essen wird gegenwartsbezogen gelehrt und geforscht. Zusammen mit der Wuhan Universität unterstützt die Uni das Konfuzius-Institut Metropole Ruhr. Viele chinesische Institutionen engagieren sich mit ihren Partnern in Duisburg in den Bereichen der Wirtschaft und Kultur und ziehen zusammen positive Bilanz für ihre Zusammenarbeit.

Der „Verein chinesischer Frauen in Deutschland e.V.“ übernimmt 2026 erstmals die Federführung. Wie bewerten Sie das Engagement der chinesischen Gemeinschaft vor Ort?

Die China Community in Nordrhein-Westfalen möchte in der deutschen Öffentlichkeit noch sichtbarer werden. Sie will mehr Follower im Freundeskreis gewinnen und zeigen, dass sie sich sehr gut in die deutsche Gesellschaft eingelebt hat. Sie steht für die Tradition und Tugend der chinesischen Nation. Durch Chinafest, Frühlingsbasar sowie viele Karnevalszüge lässt sich spüren, wie aktiv und engagiert sie ist. Der Verein chinesischer Frauen in Deutschland e.V. ist ein wichtiges Mitglied der chinesischen Gemeinde hier. Ich bin fest davon überzeugt, dass er dem Chinafest zu einem Riesenerfolg machen wird.

Wie kann der kulturelle Dialog beim Chinafest dazu beitragen, das gegenseitige Vertrauen zu stärken und stabile Partnerschaften für die Zukunft aufzubauen? 

Das Chinafest ist ein Ort persönlicher Begegnungen und eine Gelegenheit, fremde Kulturen hautnah zu erleben. Man lernt sich zunächst kennen und später schätzen. Trotz Digitalisierung und starker Präsenz der sozialen Medien ist es heute dennoch denkbar schwer, Informationen über China aus erster Hand zu finden. Das Chinafest ist deswegen eine Steilvorlage, mal ein anderes China zu entdecken. In der Mainstream-Presse finden die Leser fast keine Zeile darüber, dass China ein politisch stabiles, wirtschaftlich starkes und gesellschaftlich harmonisches Land und dass sich die Menschen dort sehr wohl fühlen. Auf dem Chinafest finden sie "ohne Zwischenhändler" die Antworten, die sie womöglich schon immer suchten. Das Chinafest selbst ist nicht unbedingt Teil der Antwort. Es ist nur ein Schauplatz, wo sich im Gegensatz zu den Massenmedien die unzensierten und objektiven Informationen in großen Mengen befinden. Sie wollen von allen Besuchern genutzt werden.

Das Chinafest ist auch eine Bühne, die zum Mitmachen und zum gegenseitigen Lernen einlädt: Kunst, Musik, Kochen oder Sport. Die Besucher dürfen ruhig mit vielen vielen Fragezeichen kommen. Wir hoffen, dass sie anschließend mit vielen vielen Ausrufezeichen nach Hause gehen. Mit neuen persönlichen Eindrücken werden sie kritisch über die Chinastrategie der Bundesregierung nachdenken. Was muss man denn unter einer fairen Beziehung zu China verstehen? Die einfachen Menschen würden sagen: lieber Respekt statt Rivalität, lieber Kooperation statt Konfrontation und lieber Dialoge statt De-risking.

Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten, wenn Sie an das Chinafest 2026 in Duisburg denken?

Ich persönlich freue mich am meisten darauf, noch mehr deutsche Freunde zum Chinafest begrüßen zu dürfen. Wir haben Shows, Kinofilme, Kungfu-Kunst und Leckereien im Angebot. Ich überlege gerade, das Fest um ein paar Tischtennisplatten zu erweitern. Die deutschen Tischtennisspieler Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Dang Qiu sind in China sehr beliebt. Es sind noch mehr talentierte Tischtennisbegeisterte unter uns. Lassen Sie uns auf dem Chinafest Duisburg 2026 die neue Auflage der "Ping-Pong-Diplomatie" zwischen China und Deutschland feiern. 


Das Interview führte Jürgen Reinold (Rheinische Medienmanufaktur) im Februar 2026